Gedichte aus der Gedichtesammlung von Gottfried Keller » Gedichte zu Pfingsten

Gedichte aus der Gedichtesammlung von Gottfried Keller

Gottfried Keller

Biermamsell

Dein Witz geht an, o Schöne mein,
Noch eher, als dein bayrisch Bier!
Jedoch noch besser leuchtet mir
Das Blaue deiner Augen ein!

Und besser als dies Flackerlicht
Noch dünket mich dein schmal Gesicht,
Die runde Schulter, die zierliche Brust
Und deiner Hüften schlanke Lust.

An deiner schwarzen Seidentracht
Ist jedes Fältchen wohlgemacht;
Und immer nobel, witzig nur
Verfolgst du deine dunkle Spur.

Bist nie gemein und schimpfest nicht,
Wenn dir ein Gast die Treue bricht,
Ein Marquis Posa, wie gemalt,
Die sieben Seidel nicht bezahlt.

Du siehst nur intressanter aus,
Kaum zittern leis Manschett’ und Kraus’,
So edelbleich und schmerzenreich
Siehst du Marien Stuart gleich.

Getrost nur wandle deine Bahn!
Ich kenne manchen ernsten Mann,
Des Seelenstaat und Wortgeschmeid
Mahnt an dein seidnes Rauschekleid.

Er strebt und ringt und peroriert,
Wird edelbleich, wenn er verliert:
Um was sich’s handelt, scheint es mir,
Ist mehr nicht, als ein Seidel Bier!

?.

Clemens Brentano, Kerner und Genossen

“Was sind das für possierliche Gesellen
In weissen Laken und mit Räucherpfannen?
Ob sie nach Schätzen graben? Geister bannen?
Sie lassen sonderbare Töne gellen!

Sahst du dem einen rotes Blut entquellen,
Indes dem andern grosse Tränen rannen?
Sie huschen sacht, gespensterhaft von dannen
Auf dieser Zeiten grundempörten Wellen.

Auch scheinen Schild’ und Schwerter sie zu tragen,
Von Holz, und um die Stirn ein dürr Geflecht
Von Reisig, draus die feinsten Rosen ragen?”

Sie ziehen gen die Sonne ins Gefecht;
Poeten sind’s, so lass sie ungeschlagen!
Denn solche, weisst du, haben immer recht.

?.

Dankbares Leben

Wie schön, wie schön ist dieses kurze Leben,
Wenn es eröffnet alle seine Quellen!
Die Tage gleichen klaren Silberwellen,
Die sich mit Macht zu überholen streben.

Was gestern freudig mocht’ das Herz erheben,
Wir müssen’s lächelnd heute rückwärts stellen;
Wenn die Erfahrungen des Geistes schwellen,
Erlebnisse gleich Blumen sie durchweben.

So mag man breiter stets den Strom erschauen,
Auch tiefer mählich sehn den Grund wir winken
Und lernen täglich mehr der Flut vertrauen.

Nun zierliche Geschirre, sie zu trinken,
Leiht, Götter! uns, und Marmor, um zu bauen
Den festen Damm zur Rechten und zur Linken!

Gottfried Keller

Das Gärtlein dicht verschlossen

Das Gärtlein dicht verschlossen
Hältst wohl du, frommes Kind,
Da diese Heckensprossen
So eng verwachsen sind?

Doch blüht die Unschuld immer
Darin, soviel ich seh’;
Sonst war es Lilienschimmer,
Nun ist es weisser Schnee!

Als hätt’ der gnadenreichen
Maria reinste Hand
Im Sonnenschein zum Bleichen
Ihr Hemdlein ausgespannt.

?

Das grosse Schillerfest 1859

Schnee und Regen floss hernieder
Auf novemberbraunen Bergen,
Trostlos rangen alle Wipfel
Mit den schweren grauen Wolken.

Von den Büschen troff es klagend,
Jeder Dorn war eine Traufe,
Die hinab von Dorn zu Dornen
Unaufhörlich floss und weinte.

Aus den dunklen Forsten wankte
Irren Schritts ein Weib hervor,
Zart gebaut in dünnem Kleide,
Aber fruchtbeschwerten Leibes.

Zitternd und mit starren Fingern
Las sie nasses Laub und Reisig;
Mühsam sich zur Erde bückend,
Raffte sie ein zaghaft Büschel.

Und der Brombeer’ wirre Schlingen
Hingen sich an ihre Füsse,
Dass sie strauchelt und das Weinen
Hing an ihren Augenwimpern.

Kam ein zweites Weib gegangen,
Gross und stark und guter Hoffnung;
Schwere Hölzer auf dem Haupte
Schritt sie aufrecht her und trotzig.

Und sie rief mit lautem Lachen:
“Ei, Gevattrin! wie zu sehen,
Sind wir beide gleich gesegnet?
Nun wahrhaftig muss ich lachen!”

Doch die andre fing urplötzlich
Bitterlich laut an zu weinen,
Und die regenschwere Schürze
Drückt’ sie schluchzend an die Augen.

“Wieder soll ich nun gebären!”
Sprach sie kummerschwer sich fassend,
“Und ich habe nicht, wovon ich
Mir ein warmes Süppchen koche!

Meinen Gatten und Ernährer
Hab’ ich traurig jüngst verloren,
Als er einen Stamm geschlagen,
Der ihn fallend wieder schlug.

Und ich weiss nicht, wie das endet;
Leben soll zu Leben kommen,
Und das drängt sich und das mehrt sich,
Und das Herz ist krank zum Tode!

Wie ein Tier auf wilder Heide
Schein’ ich mir, das ohne Gott,
Ohne Gott und ohne Sterne
Hungernd irrt und sich vermehrt.”

“Hei, was ficht dich an, du Blöde?”
Rief die andre, heller lachend;
“Lustig baun wir unsre Wölbung
In das weite Reich hinaus!

Fäuste geb’ ich meinen Kindern
Und gesunde weisse Zähne!
Sieh, das jüngste hat mir neulich
Hier den Ohrlapp durchgebissen!

Meinen Mann hab’ ich vertrieben,
Weil er faul war und den Kindern
Alles Brot, das ich erworben,
Vor den Mäulern wegstibitzte!”

“Du bist stark und du bist frech!”
Sagte wiederum die andre;
“Ich bin zag und das Gewissen
Liegt mir leider in der Art!”

Also standen beide Weiber
Hohen Leibs sich gegenüber,
Und je lauter jene lachte,
Desto traur’ger wurde diese.

Und es kam der Nordlandswind
Mächtig rauschend über die Berge,
Und die Tränen der Bedrängten
Trocknete sein scharfes Wehen.

In der Höhe schwamm im Blauen
Einesmals die Spätherbstsonne,
Dass in hellem Golde flammten
Wie ein Morgenrot die Wälder.

In der Tiefe trieben wogend
Aufgejagt die zerrissenen Nebel,
Vor dem wehenden Riesenhauche
Stürmten sie verscheucht davon.

Doch ein prächtiges Festgeläute
Überklang das mächt’ge Rauschen,
Und im Glanze der blitzenden Sonne
Lag im Tal eine strahlende Stadt.

Lang hinwallende Bürgerzüge
Sah man schimmernd sich drin bewegen,
Ihnen wehte die fliegende Seide
Reich gebildeter Banner voran.

Herrlich wogte der Wind aus Norden,
Und die Glocken erschollen mit Macht;
Da ertönten auch starke Posaunen,
Helle Trompeten mit schwellender Pracht.

Und die singende Menschenstimme
Deutlich man dazwischen vernahm,
Seltsam, neu und herzerschütternd
Wie der seliggewordene Gram.

“Freude, schöner Götterfunken!”
Hallte herüber der klingende Sturm,
War kein Kirchenlied und kein Kriegslied,
Doch die Glocken schallten vom Turm.

Horchend standen die armen Frauen,
Und die Lacherin wurde still.
Und sie sprach: “Wer doch nur wüsste,
Was das alles bedeuten will?

Einer rief, den zu Tale laufen
Ich mit hastigen Schritten sah,
Dass die schönere und die grössere,
Ja die bessere Zeit sei nah!

Aber komm, du zage Klagende,
Was es immer bedeuten mag,
Feiern wir in meiner Hütte
Diesen unbekannten Tag!

Bringe die weinenden, deine Kleinen
Zu den meinigen schnell zur Stell’;
Wir entfachen ein lustiges Feuer,
Schaffen die Welt uns warm und hell!

Neuen Most hab’ ich im Hause,
Nüsse für die junge Brut;
Und beim frohen Mütterschmause
Fassen wir einen guten Mut!”

So genossen sie unwissend
Jenes Tages Silberblick;
Mit am warmen Feuer ruhte
Still ein künftiges Geschick.

Seine unsichtbaren Hüter
Lehnten am Standartenschaft
In den goldnen Wappenröcken:
Das Gewissen und die Kraft.

  • ...

Verwandte Artikel